Selbstkritik: Wie übt man sie richtig?

Anlässe, das eigene Handeln selbstkritisch zu hinterfragen, gibt es im Alltag der meisten Menschen zuhauf. Selbstreflexion kann in vielen Situationen helfen, aus Fehlern zu lernen und sich zu verbessern. Selbstkritik hat jedoch auch ihre Schattenseiten – dann nämlich, wenn es zu viel des Guten wird. Viele Menschen sind selbst ihr schärfster Kritiker, weil sie sich nie als gut genug empfinden und förmlich nach dem Haar in der Suppe suchen. Sollte man die Selbstkritik also lieber gleich sein lassen? Nicht unbedingt – Sie müssen nur wissen, wie Sie konstruktiv an die Sache herangehen können.

Selbstkritik: Wann ist sie hilfreich und wann schadet sie?

Definition: Was ist Selbstkritik?

Habe ich mich korrekt verhalten? Hätte ich anders reagieren können? Wäre da noch Luft nach oben gewesen? Und was hat mich überhaupt dazu veranlasst, auf diese Weise zu handeln? Solche Fragen sind typisch für eine selbstkritische Reflexion des eigenen Tuns. Wer Selbstkritik betreibt, beurteilt nicht das Verhalten anderer kritisch, sondern das eigene. Kritik und Selbstkritik hängen damit unmittelbar zusammen, beziehen sich aber auf unterschiedliche Subjekte.

Selbstkritik ist ein Begriff aus der Psychologie. Der Duden definiert Selbstkritik als „kritische Betrachtung, Beurteilung des eigenen Denkens und Tuns, die zugleich Erkenntnis und Eingestehen eigener Fehler bedeutet“. Damit setzt Selbstkritik voraus, dass man dazu in der Lage ist, die eigenen Gefühle und Handlungen zu reflektieren. Man analysiert eine bestimmte Situation und ihre Hintergründe, um daraus Schlüsse zu ziehen. Das kann dabei helfen, sich künftig anders zu verhalten und sich zu verbessern.

Warum Selbstkritik etwas Positives sein kann

Schon dem Wort Kritik haftet etwas Negatives an. Kritik, das klingt eigentlich immer nach etwas Schlechtem. Dabei muss es das nicht sein – denken wir nur an die Kritik eines Filmes, einer Aufführung oder eines Konzerts. Die kann schließlich auch positiv ausfallen. Nicht nur, dass sich Kritik – und damit auch Selbstkritik – nicht zwingend auf negative Aspekte beziehen muss. Sie muss für die Betroffenen auch keine rein negative Wirkung haben.

Kritik und Selbstkritik können durchaus positive Effekte haben. Wer sein eigenes Handeln und Denken selbstkritisch hinterfragt, lernt sich besser kennen. Er weiß besser, wie er tickt, und zu welchem Verhalten er in welchen Situationen neigt. Ein selbstkritischer Umgang mit entsprechenden Situationen kann Betroffenen dabei helfen, sich zu verbessern und künftig anders mit den jeweiligen Sachverhalten umzugehen.

Selbstkritik kann in allen Lebenslagen förderlich sein

Das eigene Tun und seine Wirkung können ein guter Lehrer sein. Dafür müssen Sie sich aber darüber im Klaren sein, warum Sie denken, handeln und fühlen, wie Sie es tun, und welche Folgen das hat. Selbstkritik ist dazu ein wichtiges Instrument. Richtig angewendet, kann Selbstkritik in jeder Lebenslage hilfreich sein. Sie kann Ihnen bei Ihrer Karriere ebenso helfen wie bei persönlichen Zielen, Ihrer Beziehung, Freundschaften und dem Familienleben.

Auch für das Verhältnis zu anderen Menschen kann es nützlich sein, wenn jemand in gesundem Maße selbstkritisch ist. Einerseits macht ein Mensch, der das eigene Tun reflektiert, nicht immer wieder dieselben Fehler. Es gelingt selbstkritischen Menschen eher, aus der Vergangenheit zu lernen und es künftig besser zu machen. Andererseits sind Menschen, die ihre eigenen Limitationen kennen, meist auch bei ihren Mitmenschen etwas nachsichtiger, wenn jene Schwächen zeigen. Schließlich wissen sie, dass jeder mal Fehler macht oder einen schlechten Tag hat. Das kann zu einem entspannteren Miteinander führen.

Die Grenzen von Selbstkritik

Selbstkritik kann eine positive Wirkung haben – ebenso gut kann sie jedoch ein Nachteil für Menschen sein, die ihr Tun stets kritisch hinterfragen. Manche Menschen übertreiben es mit der Selbstkritik. Dann führt etwa jeder kleine Fehler dazu, dass man sich noch stunden- oder sogar tagelang darüber grämt. Wenn es mal nicht so gut lief, zieht das sehr selbstkritische Menschen oft übermäßig herunter.

Aus Selbstkritik kann schnell eine pauschale Kritik an der eigenen Person werden. Ist sie im Alltag ein ständiger Begleiter, kann das weitreichende Folgen haben. Unter übermäßiger Selbstkritik kann das Selbstbewusstsein ebenso leiden wie das Selbstwertgefühl und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ängste, Gefühle der Wertlosigkeit und Inkompetenz, ja selbst Depressionen können damit befördert werden.

Wenn das Positive aus dem Blick gerät

Viele selbstkritische Menschen sind zu streng mit sich. Wer ständig nur auf Verbesserung und Selbstoptimierung bedacht ist, erzeugt Druck – das kann belastend sein, vor allem, wenn das, was man tut, scheinbar nie gut genug ist. Bei ausgeprägter Selbstkritik fokussieren sich die Betroffenen häufig auf das, was nicht so gut läuft, während die positiven Dinge – positive Eigenschaften, Talente und Errungenschaften – in den Hintergrund treten.

Ständig nur die eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen zu haben, kann eine Unsicherheit bedingen, die ihrerseits Stress auslöst und Fehler wahrscheinlicher macht. So kann aus Selbstkritik, die objektiv betrachtet gar nicht im jeweiligen Ausmaß zutreffend ist, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. In solchen Fällen überwiegen die negativen Begleiterscheinungen von Selbstkritik und es ist oft kaum noch möglich, aus Situationen zu lernen.

Konstruktive und destruktive Selbstkritik

Ist Selbstkritik gut oder schlecht? Das lässt sich nicht pauschal beantworten, denn es kommt darauf an, ob die Selbstkritik konstruktiv oder destruktiv ist. Selbstkritik ist eine Gratwanderung: sie kann hilfreich sein, wenn sie konstruktiv ist, und damit zu einer Verbesserung der Lage beitragen. Sie kann aber auch mehr schaden als nützen, wenn sie destruktive Ausmaße annimmt.

Ein Anzeichen dafür, dass Selbstkritik eine destruktive Wirkung hat, ist eine mangelnde Konkretheit. Wer mit sich unzufrieden ist, aber gar nicht genau sagen kann, woran das liegt, tut sich mit Selbstkritik wahrscheinlich keinen Gefallen. Man kann nichts verbessern, wenn man nicht weiß, wo überhaupt etwas im Argen liegt.

Ein weiteres Indiz für destruktive Selbstkritik ist es, wenn die Kritik an sich selbst ständig und sehr intensiv betrieben wird. In solchen Fällen ist es unwahrscheinlich, dass sie objektiv zutreffend ist. Wahrscheinlicher ist es, dass bestimmte Dinge übermäßig negativ bewertet werden.

Selbstkritik bringt außerdem nur dann etwas, wenn man daraus auch Konsequenzen zieht. Bei Menschen, die sich in ihrer Selbstkritik auf die negative Bewertung bestimmter Verhaltens- und Denkweisen beschränken, aber nicht überlegen, was sie daraus lernen können, kann die Selbstkritik keine positive Wirkung haben.

Wenn jemand dazu neigt, sich selbst übermäßig hart zu kritisieren, kann das mit seiner Persönlichkeit zusammenhängen. Auch erlerntes Verhalten kann eine Rolle spielen. Die Wurzeln für eine sehr selbstkritische Sichtweise auf das eigene Handeln liegen häufig in der Kindheit. Womöglich waren die Eltern sehr kritisch, haben ihr Kind kaum gelobt, aber oft kritisiert – so etwas bleibt häufig hängen.

Sind Sie zu selbstkritisch?

Sie würden sich als selbstkritischen Menschen bezeichnen – ist Ihre Selbstkritik noch gesund oder haben Sie die Grenze zu einer übermäßigen Selbstkritik schon überschritten? Es gibt verschiedene Anzeichen, die dafür sprechen, dass jemand übertrieben selbstkritisch ist.

Sehr selbstkritische Menschen empfinden das, was sie tun, oft niemals als gut genug. Sie sind folglich auch nie richtig zufrieden mit sich. Immer sind die anderen vermeintlich besser, fähiger, hübscher, beliebter. Wenn solche Gedanken vorherrschend sind, leidet fast zwangsläufig die generelle Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Eine ausgeprägte selbstkritische Natur kann somit unglücklich machen.

Ein weiteres Indiz für eine übermäßige Selbstkritik ist, wenn es jemandem deutlich schwerer fällt als anderen, sich an seine Erfolge und Errungenschaften zu erinnern als an seine Misserfolge und Fehler. Eine Fokussierung auf das Negative ist ohnehin Teil der menschlichen Natur. Mit harscher Selbstkritik kann dieses Problem noch verschärft werden.

Menschen, die sehr selbstkritisch sind, sind von Rückschlägen oft unverhältnismäßig hart getroffen. Schon vermeintlich unbedeutende Situationen können dann eine veritable Krise auslösen. Oft zweifeln solche Menschen sehr schnell an sich als Person, anstatt ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten getrennt voneinander zu betrachten. Selbstkritik üben kann dann bedeuten, immer wieder über die eigenen Versäumnisse und Unzulänglichkeiten nachzudenken, statt die jeweilige Situation abzuhaken und nach vorne zu blicken.

Konstruktiv Selbstkritik üben: So kann Ihnen Selbstkritik nützen

Selbstkritik haben Sie bisher eher auf eine destruktive Art und Weise geübt? Keine Sorge: Sie können gezielt trainieren, das eigene Handeln so zu reflektieren, dass es Ihnen wirklich etwas bringt. Die folgenden Tipps können Ihnen zu einer konstruktiven Selbstkritik verhelfen.

Gehen Sie möglichst objektiv an die Sache heran

Wer andere kritisiert, sieht die Situation mit etwas Abstand. Bei Selbstkritik ist dieser Abstand nicht gegeben. Das macht es schwerer, objektiv zu bleiben, wenn man das eigene Verhalten einordnet und bewertet. In unserem Kopf sind die Dinge oft wesentlich schlimmer, als es tatsächlich der Fall ist. Das kann dazu führen, dass Selbstkritik härter ausfällt als es notwendig und sinnvoll wäre. Hinterfragen Sie also, ob Ihre Einschätzung tatsächlich realistisch ist oder ob die Dinge in Wahrheit gar nicht so dramatisch sind, bevor Sie sich deswegen schlecht fühlen.

Warum das endlose Streben nach Selbstoptimierung gefährlich ist

Selbstoptimierung liegt im Trend. Obwohl nichts dagegen spricht, hier und da das eigene Verhalten zum Besseren zu ändern, ist das ewige Streben nach Verbesserung doch riskant. Oft ist nämlich nie ein Zustand erreicht, in dem man das Gefühl hat, gut genug zu sein oder genug erreicht zu haben. Man will immer mehr, immer besser werden, und Ansatzpunkte dafür finden sich garantiert zuhauf.

Wer sich ständig bemüht, sich zu verbessern, aber doch immer nur sieht, wo er (noch) nicht ist, ist wahrscheinlich unzufrieden und gefrustet. Auch die Motivation kann leiden. Überlegen Sie also, was Ihnen wirklich wichtig ist, statt pauschal an jede Verhaltensweise und jeden Gedanken die höchste Messlatte anzulegen.

Kritisieren Sie nicht sich, sondern Ihr Verhalten

Kritik, so heißt es oft, soll man nicht persönlich nehmen. Genau das fällt vielen Menschen schwer – egal, ob die Kritik vom Partner, dem Chef oder einem selbst kommt. Dabei hängt sich Kritik immer an einem bestimmten Verhalten oder einer Denkweise auf. Wenn etwas nicht optimal läuft, ist das kein generelles Urteil über Sie als Person. Sie sind nicht Ihr Verhalten oder Ihre Gedanken.

Ein Beispiel: Sie haben einen Fehler gemacht. Nun könnten Sie analysieren, was falsch gelaufen ist, und alles daransetzen, dass es künftig nicht mehr passiert. Oder Sie resignieren und stellen ernüchtert fest, dass Sie anscheinend einfach nicht gut genug sind. Viele Menschen entscheiden sich unbewusst für Letzteres, mit oft fatalen Folgen: Beim nächsten Mal probiert man es dann vielleicht gar nicht erst.

Vergleichen Sie sich nicht mit anderen

Vergleiche mit anderen Menschen sind heute so einfach wie nie zuvor. Man muss nur durch Social-Media-Feeds scrollen und findet zig Gelegenheiten, sich mit anderen zu vergleichen. Das ist gefährlich, denn fast immer kommt man bei solchen Vergleichen schlechter weg.

Dabei ist nicht gesagt, dass die eigene Einschätzung korrekt ist. Posts in sozialen Netzwerken sind schließlich nur eine Momentaufnahme – und ob der Traumurlaub auf den Malediven, den Ihr Bekannter gemacht hat, wirklich so traumhaft war, wissen Sie gar nicht.

Bei Vergleichen mit anderen Menschen wird oft vergessen, dass man dabei nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben dieser Person betrachtet. Ja, vielleicht ist Ihr alter Schulfreund beruflich erfolgreicher als Sie. Aber wissen Sie, wie es in anderen Bereichen für ihn läuft? Seine harte Arbeit könnte etwa dazu geführt haben, dass seine Ehe gescheitert ist oder er keine Zeit mehr für seine Freunde hat. Nur, weil er in einem Aspekt seines Lebens erfolgreich ist, heißt das nicht, dass er rundum glücklich und zufrieden ist.

Berücksichtigen Sie die Umstände Ihres Verhaltens

Wenn Sie Selbstkritik üben, sollten Sie die Hintergründe Ihres Verhaltens, Ihrer Gedanken oder Gefühle nicht ausklammern. Nehmen wir noch einmal an, Sie haben einen Fehler gemacht. Das ist ärgerlich. Aber womöglich ist es passiert, weil Sie total gestresst waren, und noch dazu unausgeschlafen und entsprechend unkonzentriert. In diesem Fall sollten Sie sich daran erinnern, dass jeder mal schlechte Tage hat. Haken Sie die Sache ab – beim nächsten Mal läuft es wieder besser.

Vielleicht stellen Sie bei Ihrer Selbstkritik auch fest, dass es immer wieder dieselben Umstände sind, die Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Womöglich schlafen Sie generell zu wenig und laden sich zu viel auf, so dass Müdigkeit und Stress stete Begleiter sind. Dann sollten Sie überlegen, wie sich die Situation verbessern lässt – im genannten Beispiel etwa mehr Schlaf, eine kürzere To-Do-Liste und keine wichtigen Aufgaben angehen, wenn man sich ohnehin nicht konzentrieren kann.

Seien Sie nachsichtig mit sich

Zu guter Letzt: Seien Sie nicht zu hart zu sich, wenn Sie Selbstkritik üben. Stellen Sie sich vor, es würde nicht um Sie gehen, sondern um eine gute Freundin oder einen guten Freund. Welchen Rat würden Sie dieser Person geben? Wie würden sie mit ihr umgehen? Wahrscheinlich freundlich, respektvoll, wohlwollend und verständnisvoll. Genauso sollten Sie sich auch gegenüber sich selbst verhalten, anstatt selbst zu Ihrem ärgsten Kritiker zu werden.

Bildnachweis: pathdoc / Shutterstock.com

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